Einen Labrador-Welpen aus Arbeitslinie gross ziehen
Viele meiner Welpenkäufer werden sich erinnern, wie oft ich betont habe, mit einem jungen Labrador nicht zu früh ins Training einzusteigen. Gerade jetzt verspüre ich wieder das Bedürfnis, diese Gedanken zu wiederholen – aus dem Wunsch heraus, euch auf dem Weg zu einem ausgeglichenen, aufmerksamen und in sich ruhenden Hund zu begleiten. So, wie ihr es bereits von anderen Hunden aus meiner Zucht kennt.
Unsere Welpen müssen zuallererst Erfahrungen sammeln. Sie sollen die Welt entdecken, ihre Umwelt kennenlernen, Selbstvertrauen aufbauen. Ein Welpe im Alter von vier, fünf, sechs oder sieben Monaten braucht noch kein Training – ich versichere euch, dass sie apportieren können, ganz ohne frühzeitiges Üben. Hunde aus Arbeitslinien wissen instinktiv, wofür sie geboren wurden – es ist tief in ihrer DNA verankert.
Zu frühes Training jedoch kann Schaden anrichten, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Insbesondere Gruppenarbeit in sehr jungem Alter fördert Unruhe und Frust – ein
"Fieper" entsteht. Und ganz ehrlich: Mit einem fiependen Hund zu arbeiten, macht einfach keinen Spaß – von der fehlenden Prüfungsfähigkeit ganz zu schweigen.
Viel wichtiger ist es, dass unsere Welpen immer wieder in ihrer
Ruhe bestätigt werden – und dass sie zuverlässig
zurückkommen, immer und überall.
Diese jungen Hunde vermitteln oft den Eindruck, ständig etwas tun zu wollen. Und schon ist es passiert: ein Dummy wird geworfen, ein anderer wird ausgelegt, zwischendurch noch ein verlorener Tennisball gesucht. Aktion pur – und keine Chance zur inneren Ruhe. Dann ist der Hund zehn oder elf Monate alt, steht zitternd auf den Zehenspitzen und wartet:
Wann geht es endlich weiter?
Unsere Hunde sind äußerst klug, sie lernen schnell. Aber auch ihre Nervenstärke muss wachsen dürfen. Nur so können sie sich zu souveränen Arbeitspartnern entwickeln.
Für mich ist die Basis bei einem Retriever, dass er ruhig und konzentriert seine Umgebung wahrnimmt. Was bringt es, wenn ein Hund schnell arbeitet und ausgezeichnet markiert, aber vor Aufregung nicht stillsitzen kann? Dann wird er seine Fähigkeiten gar nicht zeigen können. Unsere Welpen brauchen Ruhe – und sie brauchen Zeit, um mental zu reifen.
Ich weiß, es ist nicht leicht. Unsere Welpen bieten sich ständig an. Und ja – ihr habt euch einen Labrador aus Arbeitslinie geholt, weil ihr mit ihm arbeiten wollt. Aber bitte: gebt ihm die Zeit, die er wirklich braucht.
Hier einige Regeln, was ich mit meinem Welpen nicht mache:
- Ich schicke ihn nicht mit „Voran“ zur Futterschüssel.
- Ich werfe nichts – und „nichts“ meine ich ganz ernst :-) (Mit Markierungen beginne ich frühestens im Alter von 11–12 Monaten, und auch dann nur sehr gezielt.)
- Ich lege keine Dummys aus und trainiere keine Linien. Ich trainiere kein Fußgehen.
Und das kennt mein Welpe dafür sehr gut:
-
Schnelles Zurückkommen– immer und überall.
- Er wird bestätigt, wenn er etwas aufnimmt, trägt und zuträgt – ganz egal, ob es sein Spielzeug ist, eine tote Maus oder ein verlorener Tennisball.
- Er wird in
seiner Ruhe bestätigt – etwa wenn er ruhig sitzt, während die großen Hunde herumtoben, wenn er auf sein Futter wartet, wenn ich mir in Ruhe die Schuhe anziehe, die Tür öffne oder wir im Auto warten.
- Er erlebt viele Dinge, die mit Apportieren nichts zu tun haben.
- Und:
Er schläft viel.
Gebt euren Welpen die Zeit, die sie brauchen. Lasst sie in Ruhe, Ausgeglichenheit und Aufmerksamkeit heranwachsen. So legt ihr den Grundstein für eine stabile, vertrauensvolle Partnerschaft – im Alltag, im Sport und in der Arbeit.
Liebe Grüsse an alle, Tanja
Steadiness - ein Moment